Wissensvernetzung
Von Thomas Alva Edison wird erzählt, dass er für die Erfindung der Glühbirne in der Lage war, noch alle technischen Bauteile mit eigener Hand selbst zu erstellen. Heute hingegen sind bei der Entwicklung der OLED-Lampe Heerscharen von Forschern und Entwicklern aus den unterschiedlichsten Disziplinen beteiligt. Das Bild vom einsamen Erfinder stimmte zwar schon zu Edisons Zeiten nicht – in seinem Labor in Menlo Park versammelte er eine ganze Reihe von Mitarbeitern – , aber mittlerweile sind Invention und Innovation in der Regel ein hoch arbeitsteiliger Prozess geworden, an dem die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen unterschiedlicher Unternehmen und zumeist auch verschiedene Institute von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen teilhaben. Folglich kommt der Wissensvernetzung, also der Kooperation von innovationsorientierten Unternehmen untereinander und mit Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen, eine immer größere Bedeutung zu.
Während die Entwicklung von Wissen, beispielsweise in Form von Innovationen, in der Regel mit hohen Investitionen verbunden ist, lassen sich die dabei entstehenden Informationen und der kodifizierbare Teil des Wissens beliebig reproduzieren und zu nahezu vernachlässigbaren Kosten transferieren. Wissen wird auf diese Weise zum quasi-öffentlichen Gut, da seine freie Verfügbarkeit nur sehr schwer und auch nur auf Zeit einzuschränken ist. Die Wissensproduktion durchdringt heute nahezu alle Sektoren und Ebenen der Wirtschaft. Gerade die Schnittstellen der verschiedenen technologischen Kompetenzfelder haben sich als besonders innovationsträchtig erwiesen. Aus Optik und Elektronik wird zum Beispiel Optronik und aus Maschinenbau und Elektronik entwickelt sich die Mechatronik. Vor allem die Informations- und Kommunikationstechnik als Querschnittstechnologie übernimmt dabei eine wichtige Scharnierfunktion, um unterschiedliche Kompetenzen zusammenzuführen.
Insbesondere dort, wo sich unterschiedliche Technologien begegnen, kommt dem Erfahrungswissen, das nicht ohne weiteres kodifizierbar ist, eine besondere Bedeutung zu. Etwas vereinfacht kann man sagen, dass dieses Wissen in der Regel nur im persönlichen Austausch („face-to-face") weitergegeben werden kann. Es ist vielfach überraschend, wie groß die Bedeutung des nicht kodifizierbaren Erfahrungswissens in unserer verwissenschaftlichten Welt ist. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz spricht im Zusammenhang mit Innovationen davon, dass das kodifizierbare Wissen nur die Spitze des Eisblocks darstellt, während das nicht kodifizierbare Wissen den weitaus größeren Anteil ausmacht.
Wenn aber die persönliche Kommunikation in den Innovationsprozessen immer noch eine zentrale Rolle spielt, dann findet die Produktion von neuem Wissen und Produkten nicht unabhängig von konkreten Standorten statt. Entgegen früherer Annahmen, die davon ausgingen, dass in einer Ära der weltweiten Digitalisierung die Standorte beliebig werden, bewegen sich die wissensintensiven Dienstleistungen und Industrien in einem weltumspannenden Netz, dessen Knotenpunkte durch urbane Zentren bzw. Metropolregionen gebildet werden. Den urbanen Regionen wird für die Generierung von Innovationsprozessen heute eine zunehmend größere Bedeutung beigemessen. Innovationen basieren auf starken Rückkopplungsprozessen und erfordern intensive Verflechtungsbeziehungen zwischen unterschiedlichen Akteuren. Insbesondere Metropolregionen gelten in diesem Zusammenhang als Knotenpunkte und bevorzugte Standorte in der wissensbasierten Ökonomie. Die räumliche Nähe fördert Face-to-face-Kontakte, beschleunigt den Transfer von implizitem in kodifiziertes Wissen und reduziert Unsicherheit durch den Aufbau von Vertrauen.
Die regionale Ebene ist daher nach wie vor eine wichtige Plattform für den Austausch von Information und Wissen und zur Generierung von Lernprozessen. Insbesondere urbane Standorte, haben in der Wissensökonomie große Chancen, sich wirtschaftlich positiv zu entwickeln. Urbane Regionen verfügen über ein großes Angebot an hoch qualifizierten Arbeitskräften, einen dichten Besatz mit universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, betrieblichen Forschungs- und Entwicklungszentren sowie spezialisierten Dienstleistungsunternehmen. In diesem Kontext bieten sich vielfältige Möglichkeiten zur innovationsorientierten Kooperation, um im nationalen und internationalen Wettbewerb die notwendigen kritischen Massen zu gewährleisten.
Derartige Standortqualitäten gilt es beständig auszubauen. Gerade in der Wissensökonomie zeigt sich, dass Stillstand sehr schnell Rückschritt bedeutet.. Im überregionalen und internationalen Wettbewerb entstehen an vielen anderen Standorten neue Innovationszentren, in deren Umfeld Wissenschaft und Wirtschaft erfolgreich miteinander vernetzt werden. Wer meint, dass man diesen Herausforderungen mit dem „Schwäbischen Hausfrauen-Theorem" begegnen kann, ist auf dem Holzweg. Um im dynamischen Technologie- und Strukturwandel mitzuhalten, bedarf es der kontinuierlichen Innovation und Investition und schließlich auch Einrichtungen der regionalen Wirtschaftsförderung, die strategisch, personell und finanziell auf der Höhe ihrer Zeit sind.